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Montag, 15. Mai 2006

Betagte Elstern

Sechs coole, luftgefüllte Turnschuhe, ein Pfund Styling-Gel, vier zugestopfte Ohren und drei Jeanshosen, deren Volumen sich kaum von dem einer Hüpfburg unterscheiden, bringen nahezu jede Verkäuferin in Habachtstellung.
Sobald das erste lässige „Sswiffft“ aus den Breakdance-Reifen zischt, stehen die drei Kandidaten, die statistisch gesehen nur über eins Komma vier Hintern verfügen, unter Beobachtung.
Jetzt sind sämtliche Augenwinkel damit beschäftigt, jeden Move zu verfolgen. Selbst Kunden kommen nun ihrer angeblichen Bürgerpflicht nach und weisen Emma darauf hin, dass sich der Underground um die Alkopops tummelt.
Doch Emma hat die Erfahrung gemacht, dass die Gangsta mit erhöhter Talgproduktion und dem mehrstimmigen Lachen, meist harmlos sind. Schließlich beinhaltet ihr Warenangebot nicht gerade die begehrtesten Waren dieser Klientel.
Schaut sich Emma die Statistik des Warenschwundes genauer an, fehlen weitaus mehr Knoblauchkapseln als Kaugummis.
Da Exorzisten kaum zu Emmas Stammkunden zählen, lässt diese Tatsache nur folgenden Schluss zu:
Die grauen Panther.
Ja, auch wenn es verwerflich ist, diese Aussage zu treffen – es sind definitiv die Alten, die man als Verkäuferin im Auge behalten sollte.
Sicher ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass ein hoher Anteil an Rentnern genau zu den Stoßzeiten zum Einkaufen geht. Zwar hätten sie den ganzen Tag Zeit, aber es ist viel einfacher im Getümmel der Betriebsamkeit unter zu tauchen, um sich seine Ration blasenstärkende Kürbiskerne zu organisieren.
Respekt und Ehrfurcht wird von uns allen verlangt, wenn es um die hageren Gestalten mit brüchiger Stimme geht. Doch ihr kriminelles Potential steht dem eines Pubertierenden in nichts nach. Zumindest nicht was den Ladendiebstahl betrifft.
Gut, zugegeben, der Lord der Greise klemmt sich vielleicht seltener eine Gehhilfe mit cooler Outdoor-Bereifung und die neuste CD, Pavarotti feat. Mozart, steht auch nicht ganz oben in den Top-Ten, aber auch der senile Langfinger hat seine Bedürfnisse.
Wer diese Situation offen anspricht, ist schnell von der Gesellschaft geächtet. Es wird nicht darüber geredet und es gibt kaum etwas Unangenehmeres für eine Verkäuferin als eine fossile Kundin dabei zu beobachten, wie nach dem dritten Päckchen Brühwürfel eine Schachtel Weißdornkapseln, im Übergangsmantel verschwindet.
Der erste Gedanke ist der Verwirrtheit gewidmet, der zweite ist von unsagbarem Mitleid begleitet:
„Die arme Omi. Sie weiß bestimmt nicht, dass sie schon Brühe eingesteckt hat und lebt vielleicht in dem Glauben, dass ihre Lebensmittel mit der Miete vom Konto abgebucht werden.“
Die Hemmschwelle eine solche Kundin als diebische Elster zu entlarven ist enorm hoch.

Eigentlich gibt es überhaupt keine bessere Grundvoraussetzung, um straffrei der Beschaffungskriminalität zu frönen, als alt zu sein.
Spricht Emma Opa Kowalsky darauf an, dass sich in seiner Aktenmappe noch eine Dose Thunfisch und eine Flasche Bitterstern befinden, wird dieser weder kreidebleich noch puterrot. Er schaut sie mit trübem Blick hilflos an und brüllt ihr ein „Häh?“ entgegen. Bereitwillig wird er ihr zitternd die Tasche öffnen und versichern, dass er gar keinen Thunfisch essen darf.
Die ominöse Ware wird zurück geräumt und auf eine Anzeige wird selbstverständlich verzichtet. Immerhin könnte sich eine Aufnahme der Personalien mit den ganzen „Häh´s“ und „Wer hat gebaut?“ über Stunden hin ziehen und Emma ist der Feierabend nun mal heilig.
Emma stellt sich oft die Frage, was ihre reifen Kunden mit der heißen Ware wohl machen. Wird da auf Teufel komm raus im St. Anna Stift die Rente, mit dem Verkauf von Herztonikum, aufgestockt? Wird da mit Haftpulver gedealt um die nächste Butterfahrt zu finanzieren? Vielleicht legt es der eine oder andere auch einfach darauf an in den Knast zu wandern, weil das Seniorenheim zu teuer ist.
Schreckliche Gedanken, die Emma überfallen.
All diese dezent in grau oder schwarz gehaltenen Trollis, die den gebrechlichen Leutchen den Einkauf erleichtern, sind gerammelt voll mit Diebesgut. Die Altenheime sind eine gut getarnte Einrichtung des organisierten Verbrechens und die hautfarbenen Hörgeräte, Indiz für den Funkkontakt zu den Veteranen, die das Ablenkungsmanöver an der Kasse inszenieren.
Gehhilfen werden zu rasanten Fluchtwagen und Krückstöcke verhindern, wenn sie gut platziert werden, jede Verfolgungsjagd.
Nicht dass Sie jetzt denken Emma hätte was gegen ihre reife Kundschaft. Sie bereichern ihren Alltag mit Geschichten aus ihrem Leben, sie sind treue Kunden, denen Emma gerne immer weiterhilft und die sich mit selbstgebackenen Plätzchen dafür bedanken. Es sind Kunden, die regelmäßig erscheinen und Emma wissen lassen welcher Wochentag ist. Und immer wieder geschieht es, dass der wiederholte Blick auf die Uhr oder in den Kalender, vergeblich ist. Dann bleibt jede Woche der kleine Roggenlaib in der Brottheke liegen und Emma wird ihn nicht gleich abbestellen.
Auch das sind Kunden, die mit schlürfenden Schrittchen durch die Regale wandern, ihr Geld aus Briefkuverts ziehen und das Münzgeld nicht mehr greifen können. Da darf Emma dann beherzt ins fremde Portemonnaie greifen und ist sich bewusst wie viel Vertrauen das verlangt. Ein Vertrauen, das Emma grundsätzlich allen Kunden gegenüber hat. Zumindest so lange, bis sich die Hosentaschen der Zahnspangenfraktion ausbeulen und das Pfeifen der Hörgeräte nach Morsezeichen klingt.
Selbst an Langfingern nagt also der Zahn der Zeit. Und wenn sich auch das Beuteschema verändert, so bleiben doch die markanten Erkennungsmerkmale dieselben:
Stöpsel in den Ohren, bequeme Schuhe und zu viel Hose für zu wenig Hintern.

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