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Freitag, 26. Mai 2006

Miss Verständnis

„Es ist ein Mädchen!“
Ein zuckersüßes, goldiges Mädchen, das schon nach kürzester Zeit den ersten großen Fehler begeht: Es lächelt freundlich.
Hinter dieser grandiosen Fähigkeit, der wohlgesinnten Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt, verbirgt sich ein folgenschwerer Geburts-Defekt. Das Emma-Gen.
Die Tatsache allein wäre noch keine ernsthafte Bedrohung, doch wie so oft im Leben einer Frau, spielt das Schicksal eine bedeutende Rolle. Nämlich dann, wenn am vierten Geburtstag ein Kaufladen mit allem Pipapo, fertig aufgebaut im Kinderzimmer steht.
Noch erleuchtet Winnie the Pooh die ersten Kassiervorgänge, doch schon bald wird grelles Neonlicht die unschuldige Haut, freundlich aber fahl schimmernd, in den Dienst der Menschheit stellen.
Richtungweisend und gefährlich sind auch die folgenden Jahre, in denen oft exzessiv geübt wird, wie man mehr über die Bedürfnisse anderer Menschen erfährt.
„Frag mal den Onkel Hubert ob er noch ein Stück Kuchen möchte und wie Tante Klara ihren Tee trinkt. Und wenn Hubert keinen Kuchen mehr möchte, bring ihm trotzdem noch ein Stück.“
Begrüßungsrituale werden bis zum Erbrechen geprobt:
„Sag schön Guten Tag und schau den Leuten dabei in die Augen, Kind.“
„Verabschiede dich ordentlich und vergesse nicht, dich zu bedanken.“

Natürlich ist das alles Blödsinn. Niemand wird mit einem solchen Gen geboren. Es handelt sich nur um grandiose Missverständnisse.
Ein Irrtum ist auch, dass Verkäuferinnen von Natur aus immer Kleingeld brauchen, alles was in den Regalen steht umsonst probieren dürfen und sich einen halben Monat von Produktproben ernähren können.
Täglich bringen Missverständnisse und Irrtümer Emma an den Rand der Verzweiflung.
„Wie schmeckt denn der da?“
„Oh tut mir Leid, den hab ich noch nicht probiert, aber wir verkaufen den häufig.“
„Also sie müssen doch wissen wie der schmeckt, schließlich wollen sie das Zeugs doch verkaufen.“

Ein Elend ist das manchmal. Da wird erwartet, dass sich Emma durch eine Produktpalette von mehreren Tausend Artikeln durchfrisst und hinterher auch noch weiß welche Brühe salziger schmeckt und ob die kurzen Nudeln bissfester sind als die langen. Außerdem erscheint es absolut logisch, dass Emma die ganze Nacht, nichts anderes tut als mit hundertfünfundneunzig verschiedenen Duschbädern zu duschen und sich jedes Wochenende mehrere Liter Bodylotion mit nach Hause nimmt, um zu testen bei welcher Sorte, Feinstrumpfhosen schwer übers Bein gleiten.
Selbstverständlich läuft nebenher die Waschmaschine, die gerade den Weichspülertest macht und durch die Kaffeemaschine blubbert ständig schwarze Brühe, die sensorisch geprüft und katalogisiert wird.

Um diesen Irrglauben auszurotten, veranstaltet Emma regelmäßig Verkostungen. Sollen die Leute doch selbst probieren und testen. Vielleicht merken sie dann, dass einem spätestens nach der zwölften Sorte vegetarischen Brotaufstrich, der Appetit gehörig vergeht.
Doch selbst bei einer solch reizend geplanten kostenlosen Probier-Häppchen-Orgie, bleibt der Kunde gedanklich auf dem falschen Pfad kleben.
Was Emma als Gelegenheit zum maßlosen Schlemmen und Testen anbietet, wird von Kunden meist als Attentat auf Körper und Geist gewertet. Da erklingen in bester Horrorszenenmanier, Stimmen im Unterbewusstsein, die einen davor warnen von fremden Menschen etwas anzunehmen.
Da steht Emma nun freundlich lächelnd und erinnert sich an Onkel Hubert.
Jedem Kunden hält sie galant ein Tablett mit kleinen Schnittchen entgegen und ermuntert ihn zum hemmungslosen Kosten.
Doch alles was so bereitwillig feilgeboten wird, ist anscheinend mit Misstrauen zu bestrafen. Entweder wird Emma mit ihrem Angebot völlig ignoriert und dient dem Ausprobieren des Röntgenblickes, der durch sie hindurch fällt, als wäre sie der Schlitz eines Zigarettenautomaten oder ihr wird wild fuchtelnd mitgeteilt, dass man gerade vom Arzt kommt und gar nichts Essen darf. Andere beteuern, dass sie gerade ein Bonbon im Mund haben und die Brutalos unter Emmas Kunden sagen einfach beherzt: „Nein!“
Nur die Weicheier, denen man auch einen Doppelpack Klosteine für den Preis für drei verkaufen könnte, bekommt Emma dazu, sich ein lukullisches Schnittchen zu genehmigen.
Bald ist Emma entmutigt und stellt ihr Tablett noch voll beladen ab. Wer möchte am Abend schon gerne mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass er hunderte unschuldige Menschen mit erpresserischen Methoden zum Kauf einer Bärlauchcreme genötigt hat? Wer reiht sich ohne Gewissensbisse in die Dynastie bekannter Nepper und Schlepper ein?
Nein, Emma will nicht als Sirene des Einzelhandels gebrandmarkt sein, die unschuldige Käuferseelen anlockt um sie zu meucheln.
Kaum entfernt sich Emma, um sich einer ehrenwerteren Arbeit zu widmen, schleichen die Magenkranken und Bonbonlutscher ums Tablett und stopfen sich voll, bis der Bärlauch aus den Ohren winkt. Jetzt nutzen sie die Gunst der Stunde und füllen Maul- und Hosentaschen.
Also nähert sich Emma nur noch um unauffällig neuen Nachschub zu deponieren.

Es liegt also an Emma. An ihrer Gegenwart. An dem Irrglauben, dass Verkäuferinnen Kunden mit dem bösen Blick ins Unheil stürzen können, wenn man ihnen aus der Hand frisst.
Alles Irrtümer, Missverständnisse und Aberglaube.

Dabei fing alles so harmlos in einem Kinderzimmer an, als die kleine Emma aus Zeitungspapier kleine Tütchen rollte und Löwenzahn bündelte um ihre ersten großen Geschäfte zu machen.

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