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Liebenswürdiges

Sonntag, 2. Juli 2006

Der Pollen-Willi

Emmas treuester Kunde ist wohl der ganz normale Wahnsinn. So erscheint er tagtäglich, mit nahezu stündlich wechselnden äußeren Erkennungsmerkmalen, in ihren kaloriengeschwängerten Hallen.
Mittlerweile hat sich Emma zwar an die Eigenarten vieler Kunden gewöhnt und wundert sich nur noch selten über so manch erstaunliches Einkaufsverhalten, doch wenn sie am Abend die wehen Füße in eine Schüssel mit prickelndem Latschenkieferwasser stellt, taucht in ihren Gedanken immer wieder ein Namenloser Irrer auf.
Namenlos, ja es ist wirklich so, dass die merkwürdigsten Kunden immer namenlos bleiben. Emma und ihre Kolleginnen sind ständig bemüht sich Nachnamen zu merken, um die Kundschaft auch ja standesgemäß begrüßen zu können. Das kommt prima an, denn nichts hört ein Kunde so gerne wie seinen eigenen Namen. Das richtige Müller oder Schulze zum rechten Zeitpunkt, steigert den Umsatz um mindestens eine Kondensmilch oder gar eine Packung Spültaps mit Kristallklar-Formel.
Doch die etwas Kauzigen, die sich meist in leichter geistiger Schräglage befinden, scheinen in der Tat keinen Namen zu haben, oder verbergen ihn, weil er möglicherweise ebenso wunderlich ist, wie sie selbst.
So kommt es, dass Emma die Wunderlichen einfach selbst tauft. Dann schnippt sie unbemerkt etwas Weizengrieß auf die Schultern des Schrägen und murmelt in Gedanken: “ Hiermit taufe ich dich Kraft meines Amtes auf den Namen XY. Ich werde dich trotz deines gefiederten Geistes, als guten Kunden schätzen und ehren und gelobe, nur an Sonn -und Feiertagen über deine Macke zu lachen.“
Wenn Emma gerade keinen Weizengrieß zur Hand hat, tut es auch Polenta oder Roggenmehl. Irgendeine aufgeplatzte Tüte gibt es schließlich immer.
Bei „Pollen-Willi“ ging die Sache beinahe schief, da Emma nur eine Tüte Haferflocken oder Buchstabennudeln zur Verfügung hatte. So schnippte sie hinter seinem Rücken vorsichtig mit einem kleinen p und einem abgebrochenen w, wobei das p ganz leicht sein linkes Ohr schrammte und sich in einer Falte von Willis Halstuch verfing.
Pollen-Willi, kommt einmal die Woche und seit einem guten Jahr kauft er jedes Mal drei Gläser Orangenblüten-Honig. Auch wenn er noch andere Sachen kauft - der Honig ist Standard.
Sind im Regal nur noch wenige Exemplare des süßen Klebers, wendet er sich besorgt an Emma:“ Sie bekommen schon wieder den Orangenblütenhonig? Es sind jetzt nur noch zwei im Regal.“
„Selbstverständlich, keine Sorge. Wir bekommen die Lieferung regelmäßig.“, beruhigt ihn Emma dann und ist immer sehr bemüht, dass Willis Regal gut gefüllt bleibt.
„Pollen-Willi“ kommt meist mit einem alten klapprigen Fahrrad auf dessen Gepäckträger immer ein leerer Weinkarton fest verzurrt ist. Gibt der Karton nach einigen Wochen langsam den Geist auf und wird unstabil, muss Emma einen neuen parat haben. Willi besteht dabei immer auf ein und denselben. Es muss genau dieser Karton sein - ein Zwölferkarton Weißherbst. Auch wenn andere Kartons dasselbe Format haben und auf Willis Gepäckträger passen würden, lehnt er jede andere Schachtel kategorisch ab. Meist meldet er seinen Bedarf eines neuen schon ein oder zwei Besuche vorher an, damit Emma genügend Zeit hat, das begehrte Exemplar für Willi beiseite zu stellen.
Willi trägt auch bei zweiunddreißig Grad im Schatten ein weißes Sweatshirt mit langen Ärmeln und ein Halstuch. Dann sind seine wenigen Haare nass geschwitzt und sein Schnauzer tropft. Ab fünfunddreißig Grad, trägt er dann allerdings eine kurze Hose zum warmen Sweater und fühlt sich sichtlich wohler.
Gemüse steht neben dem obligatorischen Honig auch immer auf Willis Einkaufsliste.
Damit er seine Wahl treffen kann, folgt er jedoch immer dem selben Ritual. Er dreht und wendet jedes Teil mehrmals, schaut auf das Schild, welches an jeder Gemüsekiste steckt und den Kunden über Preis und Herkunft informiert, und stellt Emma immer die gleiche Frage:“ Woher kommt das hier?“
Emma geht zu Willi und schaut gemeinsam mit ihm auf das Etikett und verkündet ihm das Herkunftsland. Dann greift er beherzt zu, geht zum nächsten Grünzeugs und startet seine Routine von Neuem.
Natürlich ist es für Kunden von Interesse ob ein Gurke in Italien, Spanien oder in der Pfalz das Licht der Welt erblickte, und so manch einer verwahrt sich verständlicher Weise gegen den Verzehr einer Tomate aus Holland, aber Willi hat noch niemals etwas auf Grund seiner Herkunft abgelehnt. Er stört sich nicht an französischem Salat oder Ägyptischen Salatkartoffeln, er will wahrscheinlich einfach nur wissen welche Sprache die Vitamine sprechen. Er würde selbst Karotten eines klingonischen Biobauern eine Chance geben.
Ja, Pollen-Willi ist weltoffen, ein kulinarischer Kosmopolit, auch wenn er sich vorwiegend von Orangeblütenhonig ernährt. Wie kann ein Mensch drei Pfund Honig in der Woche verzehren ohne dass er anfängt zu brummen oder überall kleben bleibt? Warum klebt Willi jedes Gemüseetikett aus der Wage sorgsam auf ein Stück Papier, faltet es klitzeklein und verstaut es in dem kleinsten Geldbeutel den Emma je gesehen hat?
Wenn Willi mit einem Schein bezahlt, dauert es oft mehrere Minuten bis der völlig entfaltet ist. Ordentlich und in exakt der gleichen Größe stecken mehrere Geldscheine in Willis Börschen.
Wohnt „Pollen-Willi“ in einer winzigen Einzimmer-Wabe? Die hingebungsvolle Art, mit der er die Gemüseetiketten aufs Papier klebt, deutet auf jeden Fall darauf hin, dass er alles mag, das klebt und womöglich braucht er den Honig um seinen leeren Weinkarton aufs Fahrrad zu kleben.
Das sind Fragen, die für Emma wohl immer ungeklärt bleiben werden und das mag sie trotz aller Neugier sehr. Sie mag es, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, sich Geschichten um ihre Wunderlichkeiten zu spinnen und darüber zu schmunzeln. Das tut sie mit Pollen-Willi und Buttermelk-Betty, genauso wie mit „Akrobat Schööön“, Charly Brown, dem Herrn Seidenraupe, der Glutamat-Lotte und Frau Wühlmaus.
Aber das ist eine andere Geschichte…

Montag, 15. Mai 2006

Betagte Elstern

Sechs coole, luftgefüllte Turnschuhe, ein Pfund Styling-Gel, vier zugestopfte Ohren und drei Jeanshosen, deren Volumen sich kaum von dem einer Hüpfburg unterscheiden, bringen nahezu jede Verkäuferin in Habachtstellung.
Sobald das erste lässige „Sswiffft“ aus den Breakdance-Reifen zischt, stehen die drei Kandidaten, die statistisch gesehen nur über eins Komma vier Hintern verfügen, unter Beobachtung.
Jetzt sind sämtliche Augenwinkel damit beschäftigt, jeden Move zu verfolgen. Selbst Kunden kommen nun ihrer angeblichen Bürgerpflicht nach und weisen Emma darauf hin, dass sich der Underground um die Alkopops tummelt.
Doch Emma hat die Erfahrung gemacht, dass die Gangsta mit erhöhter Talgproduktion und dem mehrstimmigen Lachen, meist harmlos sind. Schließlich beinhaltet ihr Warenangebot nicht gerade die begehrtesten Waren dieser Klientel.
Schaut sich Emma die Statistik des Warenschwundes genauer an, fehlen weitaus mehr Knoblauchkapseln als Kaugummis.
Da Exorzisten kaum zu Emmas Stammkunden zählen, lässt diese Tatsache nur folgenden Schluss zu:
Die grauen Panther.
Ja, auch wenn es verwerflich ist, diese Aussage zu treffen – es sind definitiv die Alten, die man als Verkäuferin im Auge behalten sollte.
Sicher ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass ein hoher Anteil an Rentnern genau zu den Stoßzeiten zum Einkaufen geht. Zwar hätten sie den ganzen Tag Zeit, aber es ist viel einfacher im Getümmel der Betriebsamkeit unter zu tauchen, um sich seine Ration blasenstärkende Kürbiskerne zu organisieren.
Respekt und Ehrfurcht wird von uns allen verlangt, wenn es um die hageren Gestalten mit brüchiger Stimme geht. Doch ihr kriminelles Potential steht dem eines Pubertierenden in nichts nach. Zumindest nicht was den Ladendiebstahl betrifft.
Gut, zugegeben, der Lord der Greise klemmt sich vielleicht seltener eine Gehhilfe mit cooler Outdoor-Bereifung und die neuste CD, Pavarotti feat. Mozart, steht auch nicht ganz oben in den Top-Ten, aber auch der senile Langfinger hat seine Bedürfnisse.
Wer diese Situation offen anspricht, ist schnell von der Gesellschaft geächtet. Es wird nicht darüber geredet und es gibt kaum etwas Unangenehmeres für eine Verkäuferin als eine fossile Kundin dabei zu beobachten, wie nach dem dritten Päckchen Brühwürfel eine Schachtel Weißdornkapseln, im Übergangsmantel verschwindet.
Der erste Gedanke ist der Verwirrtheit gewidmet, der zweite ist von unsagbarem Mitleid begleitet:
„Die arme Omi. Sie weiß bestimmt nicht, dass sie schon Brühe eingesteckt hat und lebt vielleicht in dem Glauben, dass ihre Lebensmittel mit der Miete vom Konto abgebucht werden.“
Die Hemmschwelle eine solche Kundin als diebische Elster zu entlarven ist enorm hoch.

Eigentlich gibt es überhaupt keine bessere Grundvoraussetzung, um straffrei der Beschaffungskriminalität zu frönen, als alt zu sein.
Spricht Emma Opa Kowalsky darauf an, dass sich in seiner Aktenmappe noch eine Dose Thunfisch und eine Flasche Bitterstern befinden, wird dieser weder kreidebleich noch puterrot. Er schaut sie mit trübem Blick hilflos an und brüllt ihr ein „Häh?“ entgegen. Bereitwillig wird er ihr zitternd die Tasche öffnen und versichern, dass er gar keinen Thunfisch essen darf.
Die ominöse Ware wird zurück geräumt und auf eine Anzeige wird selbstverständlich verzichtet. Immerhin könnte sich eine Aufnahme der Personalien mit den ganzen „Häh´s“ und „Wer hat gebaut?“ über Stunden hin ziehen und Emma ist der Feierabend nun mal heilig.
Emma stellt sich oft die Frage, was ihre reifen Kunden mit der heißen Ware wohl machen. Wird da auf Teufel komm raus im St. Anna Stift die Rente, mit dem Verkauf von Herztonikum, aufgestockt? Wird da mit Haftpulver gedealt um die nächste Butterfahrt zu finanzieren? Vielleicht legt es der eine oder andere auch einfach darauf an in den Knast zu wandern, weil das Seniorenheim zu teuer ist.
Schreckliche Gedanken, die Emma überfallen.
All diese dezent in grau oder schwarz gehaltenen Trollis, die den gebrechlichen Leutchen den Einkauf erleichtern, sind gerammelt voll mit Diebesgut. Die Altenheime sind eine gut getarnte Einrichtung des organisierten Verbrechens und die hautfarbenen Hörgeräte, Indiz für den Funkkontakt zu den Veteranen, die das Ablenkungsmanöver an der Kasse inszenieren.
Gehhilfen werden zu rasanten Fluchtwagen und Krückstöcke verhindern, wenn sie gut platziert werden, jede Verfolgungsjagd.
Nicht dass Sie jetzt denken Emma hätte was gegen ihre reife Kundschaft. Sie bereichern ihren Alltag mit Geschichten aus ihrem Leben, sie sind treue Kunden, denen Emma gerne immer weiterhilft und die sich mit selbstgebackenen Plätzchen dafür bedanken. Es sind Kunden, die regelmäßig erscheinen und Emma wissen lassen welcher Wochentag ist. Und immer wieder geschieht es, dass der wiederholte Blick auf die Uhr oder in den Kalender, vergeblich ist. Dann bleibt jede Woche der kleine Roggenlaib in der Brottheke liegen und Emma wird ihn nicht gleich abbestellen.
Auch das sind Kunden, die mit schlürfenden Schrittchen durch die Regale wandern, ihr Geld aus Briefkuverts ziehen und das Münzgeld nicht mehr greifen können. Da darf Emma dann beherzt ins fremde Portemonnaie greifen und ist sich bewusst wie viel Vertrauen das verlangt. Ein Vertrauen, das Emma grundsätzlich allen Kunden gegenüber hat. Zumindest so lange, bis sich die Hosentaschen der Zahnspangenfraktion ausbeulen und das Pfeifen der Hörgeräte nach Morsezeichen klingt.
Selbst an Langfingern nagt also der Zahn der Zeit. Und wenn sich auch das Beuteschema verändert, so bleiben doch die markanten Erkennungsmerkmale dieselben:
Stöpsel in den Ohren, bequeme Schuhe und zu viel Hose für zu wenig Hintern.

Sonntag, 7. Mai 2006

Organisiertes Suppenattentat

So manch eine Gemüsesorte trägt einen Namen, der eher kurios als appetitlich klingt.
Putzig und fast kosenamentauglich wäre da das Navet – Rübchen: ein kleiner violettwangiger Freund der etwas plumperen Steckrübe.
Sieglinde ist wohl die bekannteste aller Kartoffeln und trifft sich gerne mit dem Stuttgarter Riesen in einer großen Schüssel Erdäpfelsalat.
Als Emma mit dem Verkauf von Gemüse noch nicht so vertraut war, irritierte sie so mancher Wortwechsel, bei dem sie schon mal überlegte, ob sie entrüstet ein Hausverbot aussprechen soll:
„Pastinake?“
„Nein, ich spreche nur Deutsch und Englisch.“
„Hammelmöhre.“
„Das find ich jetzt aber nicht nett.“
Der wortkarge Kunde entpuppte sich dann zum Glück als ein Liebhaber aromatischen Wurzelgemüses und bekam natürlich was er forderte.
So war es also höchste Zeit für Emma sich in Sachen Gemüse und ihren Bezeichnungen weiter zu bilden.
Nach eingehender Warenkunde war sie dann auch nicht mehr empört, wenn sich jemand danach erkundigte ob sie Physalis hat.
Sie lernte „Ugli, den Hässlichen“ kennen, der sich als wohlschmeckender Apfel zeigte, erfuhr, dass Topinambur nichts mit Musik zu tun hatte und dass ein Hokkaido alles andere als gefährlich ist.
Doch nicht nur Emma verstrickte sich zeitweise im Gewirr der abenteuerlichen Obst- und Gemüsenamen.

„Haben sie nur so große Hokkaido-Kürbisse?“
Eine schicke Dame stand vor einem Berg herrlich orange leuchtenden Kürbissen, die Emma aufgetürmt hatte, als erwarte sie Münchhausen zu einer seiner großen Taten. Sie war stolz auf die Prachtexemplare, die jeden Medizinball vor Neid hätte erblassen lassen.
„Ja, im Moment haben wir nur die schönen Großen hier.“
„Schade, ich bräuchte ein paar ganz kleine, so faustgroße.“
„Ach, ich verstehe. Sie möchten Kürbissuppe machen und die kleinen als Suppentassen verwenden.“
„Ja genau, wir bekommen am Wochenende Besuch und da möchte ich gerne etwas Besonderes.“
„Eine schöne Idee. Ich kann ihnen bis Freitag aber gerne ein Dutzend kleinere Hokkaidos besorgen.“
„Das wäre nett. Kann ich mich darauf verlassen?“
„Selbstverständlich, kein Problem.“

Emma bestellte für die Kundin faustgroße Hokkaidos und hoffte den ganzen Freitag, dass die Kundin ihre Kürbisse auch abholt. Immerhin scheint es weit verbreitet zu sein, dass Menschen an einer momentan akuten Artikelnot leiden, die nur durch eine Extrabestellung geheilt werden kann. Allerdings verschwindet dieser Zustand meist schon nach Verlassen des Ladens.
Emma sah sich schon dabei, wie sie zwölf Kürbisse aushöhlt. Sie könnte die Weihnachtsbeleuchtung aus dem Keller holen und eine Bio-Lichterkette basteln um gegen Genfood zu demonstrieren.
Ein Herr in dunklem Anzug, riss mit etwas zu viel Schwung die Ladentür auf und blieb im Eingangsbereich stehen. Er wirkte irritiert und hatte wohl schon lange kein Lebensmittelgeschäft mehr von innen gesehen.
Orientierungslos blickte er sich um, während er breitbeinig da stand und seinen mächtigen Schlüsselbund hin und her schlenkerte.
Männer mit großen Autos tun das häufig. Es gibt ihnen in unsicheren Gefilden die Chance auf Aufmerksamkeit. Sie könnten nach dem Betreten des Geschäftes auch laut brüllen:
“Ich fahre hier den dicksten Wagen, also bin auch ich der Erste, der hier bedient wird.“
Emma hatte seinen stummen Ruf vernommen und kümmerte sich gleich um den Nobelkutscher, bevor dieser sich mit dem Schlüsselbund noch verletzte.
„Guten Tag, was kann ich für sie tun?“
Emma versuchte dem Herrn das Gefühl zu geben, er befände sich in einem Autohaus und hätte ihm am liebsten gleich eine Probefahrt mit einem Einkaufswagen angeboten.
Der Kunde schaute misstrauisch nach rechts und links, als wäre es ihm wichtig, dass niemand hört was er zu sagen hatte.
„Ähhm“ räusperte er sich und warf den Schlüsselbund etwas in die Höhe um ihn gekonnt, mit einem lauten „Schnapp“ in seiner Hand verschwinden zu lassen.
Noch einmal schaute er wie ein Agent in geheimer Mission über die Schulter.
„Ja, ich möchte die Al Kaidas abholen.“
Ein Ruck ging durch Emma. „Jetzt nur nicht lachen“, dachte sie.
Dieser James Bond würde weder das ertragen, noch das Berichtigen seiner Gemüsebezeichnung.
Emmas Gesicht war nun genauso ernst, wie das des Agenten in geheimer Kürbismission.
„Verstehe. Das Dutzend. Ihre Frau war hier.“
„Ja, genau. Ich hatte einen Termin hier in der Nähe, deshalb komme ich um die Al Kaidas zu holen.“
Agenten wie dieser, betonen grundsätzlich, dass sie rein zufällig in der Nähe waren und sonst gar nichts mit Einkaufen am Hut haben. Sie fürchten sich regelrecht vor diesem Missverständnis. Emma zeigte sich verständnisvoll und bemühte sich sehr die Angelegenheit so dezent wie möglich über die Bühne zu bringen.
„Folgen sie mir unauffällig.“
Emma hatte große Mühe nicht zu lachen und hoffte, James Bond würde den Namen der Kürbisse nicht mehr erwähnen.
Sie ging mit ihm Richtung Lager und übergab ihm einen Karton. Sie hob den Deckel und deutete auf die zwölf kleinen Hokkaidos:
„Das sind sie.“
„So klein?“
„Ihre Frau wollte die kleinen.“
„Ne, die sind ja winzig. Haben sie keine größeren?“
„Doch ich hab riesige, aber ihre Frau hatte…“
„Wo sind die großen?“
Emma deutete nach vorne zur Gemüseabteilung und folgte James Bond, der mit großen Schritten auf die Münchhausen-Pyramide zusteuerte.
„Ja, das sind Al Kaidas,“ strahlte er nun, als hätte er neue Winterreifen entdeckt.
„Da nehm ich noch vier Stück davon, die Dinger hier sind ja ein Witz.“ Verächtlich blickte er auf den Karton, den ihm Emma abgenommen hatte, damit er sich den großen Kürbissen widmen konnte.
„Ha, da wird meine Frau staunen, wenn sie die sieht.“
„Aber ihre Frau wollte….“
„Ach was, die hier sind viel besser.“
„Ihre Frau hat die kleinen doch extra bestellt.“
Nun zeigte er sich als Mann von Welt, als Kenner der Szene, einfach als prima Typ und nahm, ohne sich nach dem Preis zu erkundigen die Kleinen und die Großen.
Der Suppen-Agent trug stolz die größten Hokkaidos davon, die Emma je hatte.
Was ein anständiges Mannsbild ist, kennt sich mit Al Kaida eben aus.

Dienstag, 18. April 2006

Heinz

Wenn Heinz den Laden betrat legte sich für die anwesenden Kunden regelmäßig eine dunkle Wolke aus Schnaps und Tabak, auf den spiegelnden Boden der Drogerie, in der Emma arbeitete.
Für sie jedoch, ging die Sonne auf.
Heinz schritt schlendernd durch den Laden und Emma war sich immer sicher, dass er bemerkte, wie alle bei seinem Anblick die Luft anhielten. Er war sicher zwanzig Jahre jünger als er aussah und er war zwanzigmal höflicher als alle Kunden, die Emma jemals hatte. Sein fettiges dünnes Haar klebte an seinem hageren Kopf, wenn er die Strickmütze abnahm. Das tat er immer, weil es für ihn eine Notwendigkeit war und seinen Respekt demonstrierte. Die schwarze Mütze mit Mottenlöchern stopfte er dann in den alten ranzigen Parka und griff den wöchentlichen Grund seines Besuches aus der Innentasche.
Der Drogerie waren eine Abteilung mit Zeitschriften und eine Lottoannahmestelle angeschlossen, und Heinz versuchte regelmäßig sein Glück. Nicht nur damit er sich endlich die lückenhafte Knabberleiste reparieren lassen könnte oder sich mal ein ordentliches Paar Schuhe leisten würde, wünschte Emma keinem mehr einen dicken Lottogewinn, als dem Heinz.
Seine Stimme knarrte wie eine rostige Gießkanne und er sprach stets laut und mit der galanten Art eines Gentlemans.
„Einen wunderschönen guten Tag, schöne Frau.“
Spätestens jetzt wurde jeder auf Heinz aufmerksam und alle schauten erwartungsvoll zu Emma. Sie wusste was sie dachten und als Heinz das erst mal so vor ihr stand erging es ihr ähnlich. Erst als ein vermuteter lauter Rülpser oder eine Jägermeister - Fontaine ausblieb, ließ die Anspannung langsam nach. Das von jedem erwartete Lallen oder zweideutige Stammeln blieb ebenfalls aus und so beschränkten sich die Blicke auf sein Äußeres.
Heinz war immer frisch rasiert und gekämmt. Seine furchige Lederhaut war von Wind und Wetter gegerbt und hätte auch nach einer Behandlung mit einer Wurzelbürste, nicht den Eindruck vermittelt, er wäre ein gepflegter Mann. Sein Kopf erschien viel zu klein und die wenigen dunklen Haare, die sorgfältig zur Seite gescheitelt waren, sahen aus, als hätte man ihm mit brauner Schuhcreme eine Frisur an den Kopf gepinselt.
Heinz hatte Ordnung in seinen Unterlagen, er spielte immer drei verschiedene Scheine und ließ die, der Vorwoche kontrollieren. Seine großen knochigen Hände sortierten schnell und geschickt seine Lottoscheine und legten Emma stets auf den Cent genau, das Geld hin. Scheine in eine Richtung mit dem Gesicht nach vorne und Münzen sauber nebeneinander.
„Das gehört sich so, wenn man ein ordentlicher Mensch ist.“ Krächzte er, wenn Emma betonte wie gut es mit ihm zu arbeiten ist.
„Ach Frau Emma, wenn ich gewinne, dann bekommen sie einen großen Teil davon ab. Ich möchte, dass sie in den Urlaub fahren, nein, eine Weltreise, jawohl ein Reise um die ganze Welt schenk ich ihnen.“
„Ach Heinz, sie wissen dann bestimmt besseres mit dem Geld anzufangen als mich um den Globus zu schicken.“
„Ich? Ach was, ich habe doch alles was ich brauche und solange ich gesund bin und hier und da mal einen Garten richten kann, bin ich zufrieden.“
„Oh, sie sind Landschaftsgärtner?“
„Ja, nein, also ich mach halt was so anfällt, Bäume schneiden und Beete umgraben, Pflanzen setzen. Letzte Woche hab ich für den Dengelmann eine Hecke gesetzt. Die Leute haben doch alle keine Zeit für diese Arbeit und ich verdien mir so ein paar Euro. Wunderschöne Gärten haben die Leute, prächtige Häuser aber ihnen fehlt die Muse, Frau Emma, die Muse sich darum zu kümmern. Ich mach das gerne und Regen oder Kälte stören mich nicht.“
„Das hört sich prima an Heinz, eine schöne Arbeit ist das.“
„Das ist es Emma, und das Beste ist: ich hab meine Ruhe dabei.“
„Schön, kann ich sonst noch was für sie tun?“
„Gnädige Frau, eine Frage hätte ich: letzte Woche hat es hier so wundervoll geduftet, sagen sie mir was das war, ich musste immer daran denken und hab mich geärgert, dass ich nicht gleich gefragt habe.“
Emma überlegte und erinnerte sich an ein Körbchen, dass sie mit der edelsten Seife bestückte und das am Kassentisch stand.
„Sie meinen sicher die Seife, Heinz.“
Sie ging um das Körbchen zu holen:
„Das ist original Bronnley Seife, die beliefern sogar das britische Königshaus.“
„Jaaaa, das ist der Duft. Da nehme ich doch gleich zwei Stück mit.“
Ein wenig stutzte Emma, denn die meisten Kunden schreckten bei den zwölf Euro für ein Stück Seife zurück.
„Soll ich ihnen das hübsch als Geschenk verpacken?“
„Nicht nötig Frau Emma, machen sie sich keine Mühe, ich hab sie schon viel zu lange aufgehalten. Ich schieb die hier in die Jackentasche.“
Heinz bezahlte und ließ die zwei edlen Seifenstücke in die Parkatasche gleiten, nachdem er seine löchrige Strickmütze rausangelte und auf den Kopf stülpte, ohne vorher zu vergessen, den Scheitel noch mit der flachen Hand zu fixieren.
„Emma ich danke und wünsche ihnen ein wundervolles Wochenende. Es hat mich sehr gefreut, sie bei bester Gesundheit zu sehen. Bis nächsten Freitag, schöne Frau.“
Heinz ging aus dem Laden und wieder wusste Emma, dass er die Blicke der Menschen registrierte, doch vornehm und galant wie er nur konnte, ignorierte er selbst das reflexartige Zurückweichen einer Kundin, als er an ihr vorbei ging.
Heinz sah so aus, aber nie vernahm Emma nur den kleinsten Hauch von Schweiß oder Nikotin. Er roch nach frischer Luft und ab und zu nach einem Bierchen.
Von diesem Tag an aber, war Heinz nicht nur der freundlichste und liebenswürdigste Kunde in Emmas Drogerie, sondern der bestduftendste Mann weit und breit. Anscheinend wusch sich Heinz von Kopf bis Fuß mit dem edelsten Seifenstück, das Emma je verkauft hat.
Es war kein Geschenk, nein, er benutzte das traumhaft nach Passionsblumen duftende Waschstück, für sich selbst und wenn Emma mal im Lager war und Heinz verpasste, konnte sie an diesem Duft erkennen, dass er hier war.
Die Passionsblumen sah man Heinz nicht an, doch dieses Odure, auch wenn es sehr feminin war, passte zu keinem so gut wie zu ihm.
Es kam nicht nur einmal vor, dass ein Kunde, der eben noch Luft anhaltend in der Reihe stand, tief einatmete, um dann genießerisch zu bemerken:
„Hier riecht es aber gut, total angenehm nach Blüten oder so.“
„Ja, richtig, Passionsblumen, sehr edel und elegant.“

Eben wie Heinz.

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Heute im Angebot:

Juli 2013
Hallo, Tante Emma, die Hoffnung stirbt zuletzt. Nach...
Miko (Gast) - 19. Jul, 09:02
2013
Hallo Tante Emma, wir denken immer noch gerne an Sie....
Kermit (Gast) - 10. Jun, 21:08
Drüben
Meine dunkle Seite Ich war schon oft dort Weiß Welchen...
Jemand (Gast) - 22. Apr, 23:49
und wieder mal
habe ich mir die Geschichten durchgelesen, nur um festzustellen,...
tweety-one (Gast) - 19. Feb, 23:53
Büttebütte
Das letzte Mal haben wir von Tante Emma am 28.12.2008...
Miko (Gast) - 4. Mai, 09:24

Was darf's denn sein?

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