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Fortbildung

Mittwoch, 26. April 2006

Nachtschattengewächse

In regelmäßigen Abständen bekommt Emma einen neuen Schliff verpasst. Dann wird ihr mal wieder der Kopf in die richtige Richtung gedreht und sechs lange Stunden eingetrichtert, worum es in diesem Spiel eigentlich geht: U m s a t z !
Um eine bestimmte Tomatensorte zu verkaufen braucht es kein großartiges Talent. Solange der Paradeiser rot und wohlgeformt in der Auslage liegt, verkauft sich das Teil von alleine. Hier ist eher Emmas Mutterinstinkt gefragt, der das edle Nachtschattengewächs vor Quetschattacken und Pulorgien beschützt.
Völlig anders ist das mit der Kosmetik. Hier schlummert einer der umsatzstärksten Marktsegmente in edlen Tiegeln und Tuben im Regal.
Damit dieses Regal-Dornröschen aus seinem Schlaf erwacht, gibt es regelmäßig eins auf die Zwergenmütze und Emma wird zum viertausendsten Mal daran erinnert, dass eine in Falten gelegte Frau jenseits der vierzig, eine Dame mit anspruchsvoller Haut ist.
Es gibt gar keine Falten, nein, es gibt höchstens niedliche Mimikfältchen aus den Tagen in denen noch heftig gelacht wurde.
Genauso wenig gibt es die legendäre „Reife Haut“. Ein absolutes Unwort, das mit Rollenspielen bis zum Erbrechen abgestraft wird.
Die nach tausend Blüten duftende Referendarin ist durch ebenso viele Solariumsstunden gezeichnet und war im frühren Leben Kosmetikerin. Von der Weite betrachtet, könnte man die Frau um ihr Aussehen wirklich beneiden. Mit der ersten Tube Nachtcreme, die sie persönlich durch den Saal reicht, erkennt man jedoch deutlich, dass die Dame mit der anspruchsvollen Haut eine Liebhaberin von Komödien sein muss und ihr Gatte den Guinnessrekord im Witzeerzählen innehält.
Emma ist immer wieder fasziniert, wie deutlich man eine zwanzigprozentige Reduzierung einer Hautvertiefung, die durch Mister Bean verursacht wurde, unter dem Elektronenmikroskop erkennen kann. Der Beamer zeigt im Sekundentakt revolutionäre Bilder von Hautrötungen, Cuperosebäckchen und Ilse Werner Schluchten. Letzteres sind die klitzekleinen Vertiefungen am Lippenrand, die von all zu vielem Pfeifen kommen.
Emma ist begeistert von den Vorher-Nachher – Aufnahmen, die nur durch Kleinigkeiten den Gedanken an ein Bildbearbeitungsprogramm aufkommen lassen.
Mittlerweile hat Emma richtige Speckpratzen und langsam gibt es nette kleine Würstchen zwischen den Händen, wenn sie das nächste Tübchen zur Probe quetscht, um Konsistenz und Duft zu überprüfen.
Den zweiten Teil dieser Produktschulung verbringt Emma dann damit, die Würstchen auf dem karierten Block aufzureihen und den verschiedenen Hautbildern zu zuordnen. Vergeblich wartet sie auf die wahren, revolutionären Neuigkeiten im Kampf gegen das Altern. Wobei man ja das Wort „Altern“ ja auch nicht mehr sagen darf, selbst Anti-Aging ist passe. Heute spricht man von Pro-Aging oder Wellness-Kur zur Erhaltung der dermatologischen Elastizität.
Doch auch junge Haut braucht Pflege und hat ihre Probleme. Allerdings darf man nie von einer Problemhaut sprechen.
Steht eine jugendliche Kundin mit einem unübersehbaren Pickel am Kinn vor einem, konzentriert man den Blick auf ihre Nasenspitze. So verhindert man Gefahr zu laufen, auf das jeden Moment auszubrechen drohende Vulkanekzem, zu starren.
Geschickt erklärt man dann ganz nebenbei, dass diese Emulsion auch bei eventuellen, umweltbedingten Hautirritationen, hilft. Schließlich hat kein Mensch unreine Haut und Pickel bekommt man im Baumarkt.
Bei jeder Beratung ist es das Schwierigste, dem Kunden klar zu machen, wie wichtig die Reinigung der Haut ist. Verkaufszahlen zeigen eindeutig, dass weitaus mehr Sälbchen und Cremes verkauft werden als Reinigungsprodukte. Immer noch hält sich die Meinung, es genüge das Gesicht mit normaler Seife oder gar nur mit Wasser zu reinigen.
Selbst ein gewöhnlicher Seidenschlüpfer bekommt ein geeignetes Waschmittel, jeder PKW-Besitzer achtet darauf in welcher Waschanlage sein Wagen schonend gereinigt wird. Doch für sein Gesicht tut es dann Kernseife.
Emma weiß, dass man Kosmetik nur gut verkaufen kann, wenn man selbst ein strahlendes Hautbild vorweisen kann. Bei ihrem Monatslohn reicht es allerdings auch oft nur für das hübsche Tiegelchen vom Discounter, welches ihre Mimikvertiefungen zwar auffüllt, aber keine lang anhaltende Wirkung zeigt. Dafür sieht es im Badezimmer richtig gut aus.
Während sie ihre Würstchen auf dem karierten Papier sortiert und die dritte Runde Schiffeversenken gegen sich selbst verloren hat, sehnt sie das Ende der Veranstaltung herbei, um das obligatorische Dankeschön entgegenzunehmen.
Die Referendarin ermahnt noch einmal, welch Wundermittel ihre Firma geschaffen hat und bedankt sich mit einer kleinen, edlen Papiertüte für die Aufmerksamkeit.
Emma ist natürlich neugierig.
„Hoffentlich etwas passendes für meinen Hauttyp, Nachtcreme könnte ich brauchen“, denkt sie noch, während sie schon in der Tüte wühlt.

„Ich dachte ich tu ihnen mal was richtig Gutes meine Damen. Und da wir alle Füße haben, hab ich ihnen die neue Fußcreme mit Latschenkiefer eingepackt. Genießen sie dieses wundervolle Produkt“.

Also wird Emma auch in Zukunft ihre Ilse Werner Schluchten stolz durch den Laden tragen und darauf achten, dass keiner den Paradeisern zu Leibe rückt.

Mittwoch, 22. März 2006

Fortbildung mit Fisch

Schlagfertigkeit ist eine von Emmas größten Stärken. Leider ist diese Eigenschaft beim Umgang mit Kunden nicht immer das gelbe vom Ei. Am Tag könnte sie sich manchmal mehrmals die Zunge dafür abbeißen, dass ihr die eigens dafür antrainierte und selbstentwickelte, „Kugelfischmethode“ mal wieder nicht gelungen ist.
Bei dieser Methode schnappt man sofort mindestens dreimal nach Luft, hüstelt gekonnt und glaubwürdig und simuliert eine kleine, spontan auftretende Atemnot, bevor man auch nur ein einziges Wort spricht.
Ein misslungener Einsatz dieser zwar sehr maritimen, aber nicht gerade eleganten Sprachverzögerungstaktik, eröffnete heute Emmas Tag.
Eine eindeutig von den Wechseljahren gebeutelte Schokoladenhamsterkäuferin kam im Stechschritt auf die Kasse zu, wo sie bereits von Emma erwartet wird.
10 Tafeln „Knacknuß in feinstem Schmelz“ aus dem Tagesangebot, purzeln auf das Band.
Angebotsware kann Emma nicht über den Scanner ziehen und muss nun eine 14-stellige Nummer eingeben. Mit den Gedanken im Lager, wo ein umgekippter Sauerkrauteimer auf sie wartet, vertippt sie sich gleich zweimal hintereinander. Doch schon in der nächsten Sekunde hat sie ihre Eingabe korrekt mit der Entertaste ins Umsatznirwana geschickt.
„Macht 8 Euro und 50 Cent, bitte“
Herablassend blickt die Kundin erst stumm dann hämisch wetternd :
“ Das hab ich ja im Kopf zehnmal schneller ausgerecht als sie mit ihrer Maschine hier“, auf das bereits abgezählte Geld neben dem Kassenteller.
Jetzt wäre genau der Moment für die Kugelfischtaktik gewesen, aber der lauernde Sauerkrauteimer hat Emma aus ihrem Gleichgewicht gebracht.
„Prima. Und wie viel Mehrwertsteuer haben sie herausbekommen? „
Autsch, verdammter Kugelfisch, schießt es Emma durch den Kopf.
Möglicherweise wäre die Situation noch zu retten gewesen, hätte sie wenigstens ihr schelmisches Grinsen unter Kontrolle gehabt.

Dieser Tag stand eindeutig unter dem Zeichen des Fisches.
Am Nachmittag fuhr Emma in die Stadt um an einem Produktseminar eines Nahrungsergänzungsmittelherstellers teilzunehmen. Der überhitzte und schlecht belüftete Seminarraum roch nach einer Mischung aus Hustensaft, Schwarzkümmelöl und Menthol.
Solche Termine sind immer eine willkommene Abwechslung und es gibt jede Menge Artikelmuster zum Probieren. Da wird regelmäßig gesalbt und geschluckt was das Zeug hält. Großzügig, wie solche Hersteller denen gegenüber sind, die ihre Mittelchen unters Volk bringen sollen, gibt es auch meist ein leckeres Büffet.
Heute gab es allerdings rein gar nichts was Emmas Geschmacksnerven gereizt hätte. Im Gegenteil, Fischbrötchen in allen Variationen zierten das Büffet. Will man Emma ärgern und zu hastigen Bewegungen zwingen, dann muss man ihr nur mit Rollmöpsen oder quitschrotem Kunstlachs drohen.
Mit einer Tasse schwarzem Kaffee flüchtete sie an ihren Platz, den sie sich am äußersten Ende der langen Tafel schon reserviert hatte. Da eh alle immer ganz vorne am Geschehen sitzen wollen, hatte sie gute Chancen nicht zwischen zwei Kolleginnen zu geraten, die sich unaufhörlich darüber unterhalten, was es doch für ein Martyrium ist einen passenden Stabsaugerbeutel zu kaufen.
Doch weit gefehlt. Als die Referentin gerade mit ihrer Begrüßung begann, huschte eine Teilnehmerin mit voll gepacktem Teller an der Wand entlang ganz nach hinten und setzte sich prompt neben Emma.
Dies allein wäre noch keine Katastrophe gewesen. Doch trotz der medizinisch geschwängerten Luft, zog Emma eine Duftwolke stinkenden Meeresgetiers beinahe einen Mittescheitel ins Haupthaar.
Um dem Vortrag folgen zu können musste Emma den Blick nach links wenden und kam so in den vollen Genuss, zuzuschauen wie jemand eine halbtote Robbe mit Zwiebelringen verschlingt.
Erst das spätere kollektive Nasensalbentesten brachte, wenigsten geruchlich, Erleichterung. Die kleinen Tuben mit Salbe für angegriffene Schleimhäute, wurden von der Referentin mit dem Hinweis, dass die Muster zwar schon von unseren Vorgängern getestet wurden, aber niemand damit Salbe direkt in die Nase eingeführt habe, weiter gereicht.
Emma konnte kaum erwarten bis das erste Tübchen bei ihr angelangt war und nahm - reichlich.

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Heute im Angebot:

Juli 2013
Hallo, Tante Emma, die Hoffnung stirbt zuletzt. Nach...
Miko (Gast) - 19. Jul, 09:02
2013
Hallo Tante Emma, wir denken immer noch gerne an Sie....
Kermit (Gast) - 10. Jun, 21:08
Drüben
Meine dunkle Seite Ich war schon oft dort Weiß Welchen...
Jemand (Gast) - 22. Apr, 23:49
und wieder mal
habe ich mir die Geschichten durchgelesen, nur um festzustellen,...
tweety-one (Gast) - 19. Feb, 23:53
Büttebütte
Das letzte Mal haben wir von Tante Emma am 28.12.2008...
Miko (Gast) - 4. Mai, 09:24

Was darf's denn sein?

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