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Kassensturz

Dienstag, 4. April 2006

Der Nächste bitte

Ein Kopfradio ist eine prima Sache. Er braucht keinen Strom und Emma hat es immer dabei. Es bedarf nur etwas Phantasie und ein klein wenig Musikalität, und schon hört man mit dem geistigen Schlafittchen, immer genau die Musik, die im Moment am besten passt.
Wenn sich eine lange Kundenschlange vor Emmas Monetenthron windet, fällt ihr manchmal die Filmmusik aus dem Dschungelbuch ein.
Plötzlich schaut ihr dann die Schlange Kaa in die Augen und flötet: „Hör auf miiiich glaube miiir…“
Dann setzt die hypnotische Wirkung auch schon ein und Emma arbeitet Kaa Stück für Stück ab.
Sollten sie also irgendwann das Gefühl haben, die Dame an der Kasse ist irgendwie in Trance versunken, arbeit gemächlich und hat ein entrücktes Flimmern in den Augen- berühren sie die Frau vorsichtig oder fragen sie leise ob sie Mowgli kennt.
Möglicherweise ist diese spontane Klanginspiration ja eine unentdeckte Berufskrankheit.

Da Emma aber eher der Mensch ist, der bei Stress zu Hochform aufläuft und den Pulk Menschen vor sich schnell und zackig abfertigen will, hört sie lieber den Radezki Marsch. Wenn sie besonders gute Laune hat legt sie die Polonaise Blankenese in die Hirnrinde.
Emma findet es dann schade, dass nur sie in diesen Genuss kommt, der ihre Bereitschaft zur Kommunikation und Kontaktaufnahme, immens steigert.
Indessen stehen die Kunden genervt in der Reihe. Jetzt hätte doch jeder Zeit einen kleinen Plausch mit dem Vordermann zu halten. Es könnten Rezepte ausgetauscht werden und manch einer würde vielleicht den Partner fürs Leben finden.
Doch da wird mit dem Blick zu Seite, ganz unauffällig der Einkaufswagen in die Hacken des Vorderen gedrückt. Jetzt wird angestrengt Kopfrechnen geübt und alles, was das Budget vielleicht doch sprengen könnte, in den letzten Regalen vor der Kasse entsorgt. Manch einen ereilt nun der Gedanke an Flucht. Kurz vor dem Ziel rennt er davon und schlägt wie ein Hase Haken durch den Laden. Der verwaiste Einkaufswagen wird von den anderen spöttisch begutachtet und zur Seite geschoben.
Dieses Schlangestehen ist für jeden der blanke Horror. Trotz grimmiger, geröteter Panikattacke auf den Schultern, erreicht auch der Ungeduldigste irgendwann das Ziel. Dann zeigt sich auf die unterschiedlichste Weise, wie Menschen ihren angestauten Stress abbauen.

Es gibt den „Flüchtenden“, der dann hektisch seine Nudelpakete aufs Band zerrt, den Salatkopf so ungeschickt an den Enden hoch zieht, dass dieser dreimal hintereinander wieder in den Wagen plumpst. Den Blätterhaufen verteilt er dann gleichmäßig zwischen allen Artikeln, weil ihm immer ein Salatblatt an der Hand hängen bleibt. Das ganze Fiasko wird von unrhythmischem Trippeln begleitet, während der Flüchtende ständig die anderen Kunden im Auge behält und am liebsten immer zu sagen möchte:“ Bin gleich weg, bin gleich weg, gleich hab ich`s .“
Emma weiß dann schon, dass dieser Kandidat garantiert mit der Ec-Karte bezahlt.
Ein typischer Barzahler ist der „Rächer.“
Er demonstriert mit erhabenen Blick auf die Polonaise hinter ihm: Jetzt bin ICH dran!
Jedes Mal ertönt dann in Emmas Hirnjukebox das Brüllen des MGM Löwen. Der Rächer lässt seinen Blick in seinen Einkaufswagen gleiten und sucht erst einmal bedächtig den ersten Artikel aus, der aufs Band soll. Ist der Rächer kein Vegetarier, wird seine Wahl auf ein frisches Suppenhuhn fallen. Das nackte, unschuldige Geflügel landet brutal, mit einem lauten Knall rücklings auf dem Band. „Selbst erlegt“, möchte er damit sagen, und mit einschüchternder Bestimmtheit, wird er seine Warenpräsentation weiterführen. Doch das große Finale, der ultimative Showdown, folgt beim Bezahlen.
Er zückt das Portemonnaie und schaut noch einmal in die genervte Menge. Dann wählt er den größten Schein den er hat. Vorzugsweise ein Zweihunderter. Als wäre es ein wertloses Stück Klopapier, hält er ihn lässig in der Hand, um den Schein dann galant, zwischen Zeige- und Mittelfinger vom Körper weg, in Richtung Emma zu bewegen.
Emma fällt darauf nicht mehr rein und sie weiß, was nun folgt, stürzt die Leute in nächster Nähe, in Bestürzung. Jetzt gibt der Rächer allen den Todesstoß:
Noch einmal fragt er laut nach der Summe seines Einkaufes. Er wird dann noch zweimal nachfragen, damit Emma die Summe noch lauter nennt und es auch alle hören. Da es an Supermarktkassen nur in sehr seltenen Fällen zu glatten, runden Beträgen kommt, ist das ganze Schlamassel perfekt:
„Ach, Moment, ich glaube das habe ich passend.“
Mit diesen Worten setzt das Blutrauschen in der Schlange ein. Nun sind alle Eins. Jetzt verbindet sie alle nur noch blanker Hass. Während die ersten wieder mit Hackenschieben anfangen, kippt der Rächer den kompletten Inhalt seines Talerleders auf das Band. Handelt es sich um einen ganz üblen Zeitgenossen seiner Art, wird er die Münzen, erst nach Jahreszahlen sortieren und sie dabei gleich, in aufsteigender Reihenfolge, mit der Zahl nach oben, vor Emma aufreihen. Sollte dann noch ein Euro und achtundzwanzig Cent fehlen, wird er in den Hosentaschen nach dem Rest suchen. Wenn diese Aktion erfolglos bleibt, droht er damit seine Frau im Auto noch um Münzen zu bitten.
Zum Glück eskalierte noch nie eine solche Situation, und die Zahl der Verletzten an Supermarktkassen hält sich bekanntlich in Grenzen.
Irgendwann ist auch dieser Racheakt beendet und: „Wir ziehen los mit ganz großen Schritten….“
Und dann kommen die Anderen: Der Jongleur, der sich grundsätzlich weigert einen Einkaufswagen zu nehmen, die Spontane, die von Zwölf Artikeln nur acht, nein sieben, ach was, neun, mitnimmt. Die Schüchterne, die verzweifelt versucht ihre Tamponschachtel mit Lauchstangen zu bedecken, der Korrekte, der jeden Artikel ordentlich mit dem Codestrich nach vorne platziert, ohne zu vergessen die Waren nach Warengruppen zu sortieren. Natürlich gibt es noch den Magier, der aus allen Taschen Geldscheine und Münzen zaubert, um dann doch mit Karte zu bezahlen. Und Familie Mustermann, die gut organisiert aus Auspackfrau, Einpackkind und Zahlmann besteht und erst eine Tarotkarte ziehen will, um zu entscheiden ob die Eier nun im Korb oder in der Kühltasche landen sollen.
Ach, ja. Da gibt es auch noch den kleinen Maxi, der holt jeden Tag für den Papa eine Bildzeitung und für sich eine Gummimaus. Dann zieht Emma schon mal den Groll der Kunden auf sich und holt in der Gemüseabteilung ein paar Salatblätter für Maxis Kaninchen.

Dienstag, 21. März 2006

Zwiebeln zum Frühstück

Die ersten Tage im Frühling bringen die Menschen immer etwas durcheinander. Emma bekommt das natürlich mit geballter Ladung zu spüren. Da taumeln Kunden in den Laden wie von einer fremden Macht ferngesteuert. Sie haben dann diesen Gesichtsausdruck, der einem großen Fragezeichen gleicht.
Gerade noch auf der Straße entlang geschlendert, findet sich eine Frau plötzlich in einem Laden wieder.
Vorwurfsvoll schaut sie Emma an, weil diese sich doch tatsächlich erdreistet, sie zu begrüßen.
Emma lässt die Kundin mit ihrem ersten Schock erst einmal allein, damit die sich sammeln kann, lässt sie aber mit geübtem Augenwinkelblick nicht völlig unbeobachtet. Die Dame schleicht unsicher ums Gemüse herum. Nimmt eine der schönsten Strauchtomaten, drückt sie bis die Schale den Kampf verliert. Emma dreht sich zur Seite damit niemand sieht wie sie das Gesicht vor Schmerz verzieht.
Etwas angewidert blickt die Kundin auf ihre Hand und tätschelt sogleich einen Blumenkohl um an seinen Blättern die Spuren ihrer Tat zu beseitigen. Schritt für Schritt arbeitet sich die Tomatenschänderin bis zu den Zwiebeln vor. Nachdenklich wühlt sie darin und scheint nach etwas zu suchen. Emma nähert sich unaufdringlich, um bei der jeden Moment zu erwartenden Frage sofort zur Stelle zu sein. Nur kurz hebt die Kundin den Blick um wieder suchend in die Zwiebeln zu schauen. Mit einem Unterton der Entrüstung holt sie dann Luft um ihre Frage endlich zu artikulieren:“ Sagen Sie, wo haben Sie denn hier das Müsli stehen?“
Innerlich platzt Emma spätestens jetzt der Kragen und ihr liegt es auf der Zunge: “Müsli? Das liegt hier vorne in den Kartoffeln!“
Doch sie schluckt professionell und begleitet die Dame zum Regal mit Frühstückscerialien. Selbstverständlich konnte diese gar nicht wissen, wo die Müslitüten sich heute mal wieder verstecken und die großen Schilder an den Regalen sind ja auch nur zur Auflockerung der Atmosphäre gedacht. Außerdem raschelt das Entblättern einer Zwiebel doch fast genauso wie das Öffnen einer Müslitüte.
Die große Auswahl an Cornflakes und Haferflocken irritieren die Kundin natürlich völlig und so zieht sich Emma wieder höflich zurück.
Etwa 20 Minuten später, als sie einige andere Kunden bedient hatte und mittlerweile an der Kasse saß, kommt auch die Müslifrau am Kassentisch an. Sie stellt eine Dose mit geschälten Tomaten aufs Band und hat das Geld schon abgezählt in der Hand.
„Haben Sie kein passendes Müsli gefunden?“, erkundigt sich Emma freundlich.
Die Kundin schüttelte nur den Kopf. „Wissen Sie, wo hier in der Nähe ein Blumenladen ist?“

Alles klar denkt Emma, kein Wunder es wird Frühling und die Frau wurde eh von einer fremden Macht in den Laden getrieben. Sie wird wohl dringend ein Pfund Gehacktes brauchen. Das bekommt sie gegenüber.
„Gegenüber, da ist ein kleines Blumengeschäft. Danke, einen schönen Tag wünsch ich ihnen.“

Fortsetzung folgt

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Juli 2013
Hallo, Tante Emma, die Hoffnung stirbt zuletzt. Nach...
Miko (Gast) - 19. Jul, 09:02
2013
Hallo Tante Emma, wir denken immer noch gerne an Sie....
Kermit (Gast) - 10. Jun, 21:08
Drüben
Meine dunkle Seite Ich war schon oft dort Weiß Welchen...
Jemand (Gast) - 22. Apr, 23:49
und wieder mal
habe ich mir die Geschichten durchgelesen, nur um festzustellen,...
tweety-one (Gast) - 19. Feb, 23:53
Büttebütte
Das letzte Mal haben wir von Tante Emma am 28.12.2008...
Miko (Gast) - 4. Mai, 09:24

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