header-tante-emma-5

Dienstag, 21. März 2006

Zwiebeln zum Frühstück

Die ersten Tage im Frühling bringen die Menschen immer etwas durcheinander. Emma bekommt das natürlich mit geballter Ladung zu spüren. Da taumeln Kunden in den Laden wie von einer fremden Macht ferngesteuert. Sie haben dann diesen Gesichtsausdruck, der einem großen Fragezeichen gleicht.
Gerade noch auf der Straße entlang geschlendert, findet sich eine Frau plötzlich in einem Laden wieder.
Vorwurfsvoll schaut sie Emma an, weil diese sich doch tatsächlich erdreistet, sie zu begrüßen.
Emma lässt die Kundin mit ihrem ersten Schock erst einmal allein, damit die sich sammeln kann, lässt sie aber mit geübtem Augenwinkelblick nicht völlig unbeobachtet. Die Dame schleicht unsicher ums Gemüse herum. Nimmt eine der schönsten Strauchtomaten, drückt sie bis die Schale den Kampf verliert. Emma dreht sich zur Seite damit niemand sieht wie sie das Gesicht vor Schmerz verzieht.
Etwas angewidert blickt die Kundin auf ihre Hand und tätschelt sogleich einen Blumenkohl um an seinen Blättern die Spuren ihrer Tat zu beseitigen. Schritt für Schritt arbeitet sich die Tomatenschänderin bis zu den Zwiebeln vor. Nachdenklich wühlt sie darin und scheint nach etwas zu suchen. Emma nähert sich unaufdringlich, um bei der jeden Moment zu erwartenden Frage sofort zur Stelle zu sein. Nur kurz hebt die Kundin den Blick um wieder suchend in die Zwiebeln zu schauen. Mit einem Unterton der Entrüstung holt sie dann Luft um ihre Frage endlich zu artikulieren:“ Sagen Sie, wo haben Sie denn hier das Müsli stehen?“
Innerlich platzt Emma spätestens jetzt der Kragen und ihr liegt es auf der Zunge: “Müsli? Das liegt hier vorne in den Kartoffeln!“
Doch sie schluckt professionell und begleitet die Dame zum Regal mit Frühstückscerialien. Selbstverständlich konnte diese gar nicht wissen, wo die Müslitüten sich heute mal wieder verstecken und die großen Schilder an den Regalen sind ja auch nur zur Auflockerung der Atmosphäre gedacht. Außerdem raschelt das Entblättern einer Zwiebel doch fast genauso wie das Öffnen einer Müslitüte.
Die große Auswahl an Cornflakes und Haferflocken irritieren die Kundin natürlich völlig und so zieht sich Emma wieder höflich zurück.
Etwa 20 Minuten später, als sie einige andere Kunden bedient hatte und mittlerweile an der Kasse saß, kommt auch die Müslifrau am Kassentisch an. Sie stellt eine Dose mit geschälten Tomaten aufs Band und hat das Geld schon abgezählt in der Hand.
„Haben Sie kein passendes Müsli gefunden?“, erkundigt sich Emma freundlich.
Die Kundin schüttelte nur den Kopf. „Wissen Sie, wo hier in der Nähe ein Blumenladen ist?“

Alles klar denkt Emma, kein Wunder es wird Frühling und die Frau wurde eh von einer fremden Macht in den Laden getrieben. Sie wird wohl dringend ein Pfund Gehacktes brauchen. Das bekommt sie gegenüber.
„Gegenüber, da ist ein kleines Blumengeschäft. Danke, einen schönen Tag wünsch ich ihnen.“

Fortsetzung folgt

Rache isst Blutwurst

Tante Emma heißt im wahren Leben weder Emma, noch ist sie die Tante von irgendjemanden. Schon gar nicht von einem ihrer schrägen Kunden, für die sie in den letzten Jahren pünktlich beim Öffnen des Geschäftes das Lächeln aufsetzt, das man von einer Angestellten im Einzelhandel, kurz Verkäuferin, erwarten darf.
Nein, Emma ist von Natur aus keine freundliche Frau. Im Gegenteil, sie tendiert eher zum Misanthrop als zu Mutter Theresa. Eigentlich wäre ihr perfekter Arbeitsplatz im 2. Untergeschoß der Pathologie oder in einer abgelegenen Tischlerwerkstatt eines Industriegebietes. Hauptsache sie müsste ihr eigentliches Naturell nicht bei Dienstbeginn, samt ihrem Mantel in einen Spind hängen, der sich immer in unaufgeräumten kleinen Hinterräumen eines Supermarktes, einer Drogerie oder eines Reformhauses befindet.
Doch was Emma jeden Tag macht, macht sie gut. Sie erntet, was vielen trotz Schleimerei verwehrt bleibt - Freundlichkeit und Respekt von Vorgesetzten, den Kollegen und ihren Kunden. Ja, Emma ist beliebt, auch wenn es manchmal etwas länger dauert.

Für sie als Soziophobikerin ist der Dienst am Kunden aber mehr Therapie als Berufung. Hier muss sie tagtäglich ihr innerstes Gefühl überwinden, sich vor Menschen verstecken zu wollen. Wie eine Schauspielerin zupft sie nervös ihren Kittel zurecht, bevor der Vorhang sich öffnet. Dann tritt sie hinaus auf ihre Bühne und gibt wieder und wieder eine Vorstellung, die niemanden im Publikum daran zweifeln lässt, dies sei die wahre Mutter Courage.

Emma liebt ihren Job nicht, aber sie hat im Laufe der Jahre Methoden entwickelt, den schlecht bezahlten Tagen mit bis zu 12 Arbeitsstunden etwas Positives abzugewinnen. Unaufhörlich stillt sie ihren Wissensdurst und glänzt mit hervorragenden Fachkenntnissen, wobei es keine Rolle spielt, ob sie die genaue Zusammensetzung eines Kartoffelpürees kennt oder es sich um die Wirkungsweise eines blutdrucksenkenden Nahrungsergänzungsmittels handelt. Ein vom Betrieb organisiertes Produktseminar ist für sie so erfreulich, wie für ihre Kollegen das gelungene Manöver, alle Brückentage für sich zu belegen.
Doch was Emma an ihrer Arbeit am meisten schätzt, ist die Möglichkeit, zu studieren. Die Mysterien der einkaufenden Menschheit aufzudecken. Zu beobachten, welche Taktiken Kunden entwickeln, um an die größten Kartoffeln zu kommen, wie sie sich gekonnt eine Einkaufstasche für lau ergaunern oder geschickt Waren umtauschen, die sie nicht bei Emma gekauft haben.

Servicewüste Deutschland - das sind wohl die beiden Reizworte bei denen Emma am liebsten mit doppeltem Flickflack über das Kassenband fegen möchte, gekonnt wie Zorro auf dem abschließenden Packtisch zum Stehen kommt und lauthals verkündet, dass nun Schluss ist mit Runterschlucken,
jetzt packt sie aus,
jetzt rechnet Emma ab.


Fortsetzung folgt

Kunden-Identifikation:

Du bist nicht angemeldet.

Heute im Angebot:

Juli 2013
Hallo, Tante Emma, die Hoffnung stirbt zuletzt. Nach...
Miko (Gast) - 19. Jul, 09:02
2013
Hallo Tante Emma, wir denken immer noch gerne an Sie....
Kermit (Gast) - 10. Jun, 21:08
Drüben
Meine dunkle Seite Ich war schon oft dort Weiß Welchen...
Jemand (Gast) - 22. Apr, 23:49
und wieder mal
habe ich mir die Geschichten durchgelesen, nur um festzustellen,...
tweety-one (Gast) - 19. Feb, 23:53
Büttebütte
Das letzte Mal haben wir von Tante Emma am 28.12.2008...
Miko (Gast) - 4. Mai, 09:24

Was darf's denn sein?

Geschäft eröffnet seit:

5993 Tagen
Letzte Abrechnung: 8. Jan, 14:33

erdbeere

Credits


xml version of this page
xml version of this page (summary) Weblog Suche im Netz

Reklamation an Emma senden

tuete

kostenloser Counter

I-impressum

Einkaufswagen
Erlebniseinkauf
Es reicht
Fortbildung
Kassensturz
Kundenberatung
Liebenswürdiges
Mitarbeiter-Profil
Momentaufnahmen
Motivationstraining
Retouren
Schwerverdauliches
Verhandlungsgeschick
Vorgesetzte & Kollegen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren