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Donnerstag, 6. April 2006

Senor Ignoranza

Nach einem 12-Stundentag erfährt Emma meist die wundersame Heilung des Feierabends, der schon vor der Tür steht. Dann werden die fahrbaren Leckereiengondeln wieder reingeholt, Straßenreiter mit der aktuellen Werbung zusammen geklappt und meist noch ein Pfund ausgespuckter Kaugummis eingesammelt.
Emma liebt diesen Moment, wo sie die kühle Luft des Abends einsaugen kann und das Wagenklappern in den Ohren, mit dem schon merklich ruhiger gewordenen Lärm nach hause fahrender Autos, zum Schweigen bringt. Jetzt liegt zwar noch eine Stunde arbeit vor ihr, aber die geschieht unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die letzten Kunden verlassen nur in den seltensten Fällen pünktlich den Laden, daran hat sich Emma schon lange gewöhnt und das ist für sie auch kein Problem. Womit sie sich jedoch nie abfinden wird, ist die Tatsache, dass nahezu allabendlich mindestens Einer, durch das Wirrwarr der Kartonagenrollis und Gondeln zwängt, um noch ins Ladeninnere zu gelangen. Dabei scheut er nicht davor zurück selbst Hand anzulegen, um durch den eigentlich nicht mehr betretbaren Eingang zu gelangen.
Einmal hatte Emma schon den Schlüssel ins Schloss gesteckt und beim Zudrücken der Tür nach hinten geschaut, um sicher zu gehen, dass sich niemand mehr im Laden befinden, als sich ein hagerer Mann durch den Spalt zwängte, freundlich nickte, um dann im Laden zu verschwinden. Sie ließ in gewähren, war er doch der erste heute, der freundlich gegrüßt hatte.
Was häufiger geschieht ist, dass sich beim Schließen der Tür plötzlich ein Fuß dazwischen befindet.
„Machen Sie schon zu?“
„Nein, natürlich nicht, ich übe nur schon mal das Absperren!“
Verdammt, wie blöd kann man eigentlich fragen?
Noch schlimmer ist die Situation, wenn die Tür, glücklicherweise ohne Fußverletzungen, schon verriegelt ist, und sich dann ein Pfannkuchengesicht gegen die Scheibe drückt, dazu wie ein afrikanischer Congaspieler mit den Fäusten gegen das Panzerglas donnert, um dann laut zu rufen:
„Haben sie schon zu?“
Emma nickt dann überdurchschnittlich freundlich und zuckt hilflos mit den Schultern, während sie auf die Uhr zeigt und in Bauchrednermanier murmelt:
„Nein wir haben noch nicht zu, wir lassen nur SIE nicht rein.“ Oder auch:
„Dud mir leid, nix Schlüssel, nur Lade butzen.“ Manchmal aber entweicht Emma ein:
„Könnten sie Hilfe holen, man hat uns hier eingesperrt.“

Hat es ein Kartonhopser oder Palettenschieber dann doch noch geschafft in Emmas Hallen zu wandeln, schließt sie vorsichtshalber die Tür trotzdem schon mal ab. Diese Leute verfügen nämlich über einen Lockstoff, der enorme Wirkung auf freilaufende Menschen hat, die sich noch auf der Straße befinden.
Hatte der Schlangenmensch, auch der kleine Bruder des Hochwassers genannt, eben noch beteuert, er brauche nur noch ganz schnell etwas sehr wichtiges, finden ihn Emmas Augen auch schon, gemütlich einen Einkaufswagen schiebend, wieder.
Jetzt wird es Zeit für ungemütliche Stimmung zu sorgen. Also wird gepoltert, die ersten Lichter erlöschen und Emmas Putzlappen klatscht alarmierend auf die Fliesen. Meist bleibt dies ohne Wirkung und sie muss dann doch etwas nachhelfen:
„Entschuldigung, kann ich ihnen noch etwas helfen?“
Diese Frage versetzt ihn zurück in seine Trotzphase. Jetzt herrscht kalter Krieg. Der Blick ist jetzt eisern in den Regalen verankert, die Mimik täuscht maßloses Interesse an Zutatenlisten vor und jede Bewegung gleicht dem eines Faultieres.
„Nein, danke, ich komm schon zu recht. Ich schaue nur ein wenig.“
„Sie schauen mir jetzt ein wenig zu viel, und ob sie zu Recht kommen oder nicht, das entscheide immer noch ich.“ Das wären jetzt die Worte, die Emma so gerne sagen würde, aber sie verkneift sich diese Antwort genauso, wie die anderen hundertachtundzwanzig des Tages.
Sie weiß, dass jetzt jede Reaktion von ihr die Sache nur noch schlimmer macht und der Typ nie zum Ende kommt. Also widmet sie sich den Arbeiten, die sie schon mal erledigen kann, bis sich Carlos Ignoranza bequemen wird, die Kasse aufzusuchen.
Dort dann endlich angelangt, schaut er verwundert hoch und sondiert total entgeistert den leeren Laden:
„Ach, sie haben ja schon Feierabend. Bin ich etwa der Letzte?“
„Si, Senor Ignoranza, sie sind der Allerletzte!“

Dem geschenkten Gaul…

Emma war nicht immer Fremdenführerin bei der Fress-Safari. Sie hatte auch schon das Vergnügen, in einem kleinen Laden eines Einkaufscenters ihre Studien zu machen, wo es ausschließlich Geschenkartikel gab.
Seither weist Emma ihren ganzen Bekanntenkreis darauf hin, lieber auf Glückwunschbeurkundungen zu sämtlichen Anlässen, zu verzichten.
Geben ist seliger als Nehmen, aber Reduziertes ist immer gut genug.
Unter diesem Motto erlebte Emma, wie Leute Dinge auswählen um anderen eine Freude zu machen. Nämlich total genervt und immer nach der Devise: nur ne Kleinigkeit, die wenig kostet, aber Hauptsache pompös verpackt.
So wurden einzelne Badekugeln zum Fünfzigsten verschenk, allerdings im Spankörbchen, mit Holzwolle ausgefüttert und Plastikblume am Griff. Das „made in Hong Kong" würde selbstverständlich abgepult werden. Es gibt nichts hilfloseres in der Kundenwelt, als einen Menschen, der nach einem passenden Geschenk sucht.
Heute hätte man die technischen Möglichkeiten, dem gekauften Geschenk eine Video-CD beizulegen, auf welcher der Beschenkte minutiös miterleben könnte, unter welchen Umständen, mit welchem körperlichen Einsatz und vor allem, mit welcher Freude, sein Geschenk erstanden wurde.
Selbstverständlich würde Emma den Silberling gerne ohne Wissen des Kunden produzieren und ihn - dezent verpackt - an den Jubilar senden. Dann wäre es nämlich eine gelungene Überraschung für beide Seiten.
Keine Angst, Emma hat bisher immer darauf verzichtet, um Ausschreitungen im Familienkreis nicht unnötig zu forcieren und Massaker unter Freunden und Bekannten zu vermeiden.
Klar ist jedoch, dass nichts schöner ist als das zu verschenken, was man auf keinen Fall selbst und auch kein Anderer haben wollte.
In Emmas schnuckeliger Geschenkboutique gab es immer eine Schnäppchenecke. Dort warteten Teetassen mit einem Sprung, Kerzenleuchter, die nicht mehr wussten in welche Richtung sie mal sollten, Duftsäckchen, denen der halbe Inhalt abhanden gekommen war und jede Menge anderer Sachen, die eben nur noch die Zweitschönsten waren. Doch wenn man eine qualitativ hochwertige Kerze möchte, aber nur den halben Preis dafür zahlen braucht, kann man doch ein paar Macken in Kauf nehmen.
So verfrachtete Emma täglich irgendwelche fast zu Bruch gegangene, oder versehentlich ausgepackte und von Kunden malträtierte Objekte, in ihr „Nimm mich mit“ Eckchen.
Kam ein Geschenksuchender in den Laden, war dies immer die erste Anlaufstelle. Die Wahl fiel dann logischerweise auf das Teil, das am wenigsten beschädigt war. Nun kam aber der eigentliche Akt der Verhandlung:
„Sie, Fräulein, kann man da am Preis noch was machen?“
„Tut mir leid, das haben wir doch schon reduziert.“
„Hmmm, ja, aber das ist hier ja schon ganz zerkratzt.“
„Ja, drum haben wir es ja im Preis gesenkt, und seinen Zweck erfüllt es ja auch mit den Schrammen.“
„Schon, aber es soll ein Geschenk sein. Das kann ich doch so unmöglich verschenken.“
„Nein, als Präsent macht es sich nicht mehr gut, da haben sie Recht.“
„Also machen sie da noch was am Preis?“
„Wie schon gesagt, das hab ich schon reduziert und durch eine weitere Preissenkung wird das Teil seine Macken auch nicht verlieren.“
„Das ist jetzt aber unverschämt und überhaupt nicht kundenfreundlich.“
„Schauen sie, hier haben wir noch jede Menge davon, die sind alle top in Ordnung, ein schönes Präsent wäre das, ich verpacke es ihnen auch gerne hübsch.“
„Pfff, die kosten ja gleich das Doppelte. Kann man da am Preis was machen?“
„Nun, wir können etwas mit dem Hammer drauf klopfen bis die Lackierung absplittert und es dann reduzieren.“
Diesen Satz hätte sich Emma sparen sollen, denn damit brachte sie die Kundin auf eine prima Idee:
Erst verschwand die Kundin mit der Bemerkung, sie müsse sich das noch mal überlegen, aus dem Laden. Etwa eine halbe Stunde später, tauchte die Frau im mittlerweile gut besuchten Geschäft wieder auf. Unauffällig verschwand sie im Gewusel der Suchenden, um nach einigen Minuten mit dem zuvor heiß begehrten Stück an der Kasse aufzutauchen.
Emma hatte Mittagspause und hielt sich im kleinen, an den Laden grenzenden, Lagerraum auf. Durch den Türspalt konnte sie das Geschehen an der Kasse mitverfolgen.
„Sie Fräulein, schauen sie mal. Das ist hier unten etwas zerkratzt.“
„Zeigen sie mal her.“ Erwiderte Emmas Kollegin und blickte fachmännisch auf die Unterseite des Stückes.
„Hmmm, ich weiß nicht, schlimm sieht es nicht aus, aber ich schau mal ob wir noch ein anderes haben.“
„Haben sie nicht, das ist das letzte, die anderen sind alle in blau.“
„Achso, aber die anderen wären alle ohne Spuren und sind doch auch schön.“
„Nein, ich brauche genau dieses hier, es ist schließlich ein Geschenk, und meine Schwägerin mag kein Blau.“
Emma drückte vor Wut die Leberwurst aus ihrem Brötchen und wäre am liebsten in den Laden gesprungen. Da ihr aber dann doch ihr Mittagstisch wichtiger war, lauschte sie weiterhin der Szenerie.
„Kann man da am Preis was machen?“
„Ähmm, also, die Chefin ist gerade in der Pause, ich weiß nicht recht….“
Von der aufdringlichen, langsam pampig werdenden Kundin eingeschüchtert, gab Emmas Kollegin damals 20 % Rabatt auf diesen Artikel.
Natürlich sollte sie das Stück noch schön verpacken. Es gab mit dem Firmenlogo bedrucktes Geschenkpapier, was die Kundin wild fuchtelnd sofort ablehnte.
„Könnten sie mir das bitte in dieses Papier einpacken?“
Die Frau zückte einen Bogen Geschenkfolie aus einer ihrer Tüten. Es war das ebenfalls mit Firmenlogo bedruckte Papier unserer Konkurrenz: „Edel & Fein – Geschenke von Herzen“.
Das hörte sich natürlich besser an als:“Emmas Fundgrube“.
Ein Leberwurstbrötchen später, ging Emma an das Regal, aus dem die raffinierte Schwägerin die Ware nahm, und fand an einer scharfen Kante eines blauen Exemplars doch tatsächlich kleine aufgerollte Farbwürste des vorhin verkauften und reduzierten Stückes.
Emma Watson war stinksauer und wäre sicher noch heute mit ihrer Kollegin verfeindet, hätte diese nicht beim Verpacken, den Aufkleber „Sonderpreis in Emmas Fundgrube“, auf die Unterseite geschmuggelt.

Dem geschenkten Gaul sollte man ab und zu doch mal ins Maul schauen.
In diesem Sinne: Happy Anniversary!

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